„Da schreibe ich Sie besser ein paar Tage krank“, sagt der Mann im weißen Kittel. Aber anstatt innerlich zu jubilieren und zu denken sauber, und nächste Woche hole ich mir direkt einen Nachschlag, schütteln sie stoisch den Kopf und entgegnen mit der Miene des schicksalsergebenen Frontsoldaten: „Nein, nein, lassen Sie mal. Es geht schon. Geben Sie mir nur etwas zum Durchhalten.“ Falsch gepolte Simulanten, also Kandidaten, die meinen, sie könnten sich selbst erhöhen, indem sie trotz Fieber, Schmerz und Schädelbasisbruch unbeirrt ihrer Arbeit nachgingen.
Dass sie mit ihrem heldenhaften Getue alle anderen nerven, merken sie nicht. Dass sie Kollegen, die just mit dem Gedanken spielen, sich trotz bester Gesundheit mal wieder einen gelben Schein zu holen, echten Keimen aussetzen und damit möglicherweise um das wohlverdiente Vergnügen bringen, kommt ihnen nicht in den Sinn. Dass sie lang erkämpften Arbeitnehmerrechten einen Bärendienst erweisen, letztlich also dem Großteil der Bevölkerung in den Rücken fallen, wollen sie nicht begreifen.
Sie leben in dem Irrglauben, sie würden an allen Ecken und Enden gebraucht, wären die Säulen des Gemeinwesens und damit unersetzlich.
Mit diesen selbsternannten Knechten der Leistungsgesellschaft zu diskutieren, ist müßig. Vielmehr sollten wir sie in ihrem Wahnsinn bestärken, sie dazu bringen, auch nach Feierabend weiter zu schuften. Wozu gibt es Homeoffice? Oder Ehrenämter? Mit ein bisschen Glück fahren sie vorzeitig in die Grube und machen Platz für einen aufrechten Hedonisten.
Sie sitzen stundenlang im Regen (gern im Garten oder auf der Terrasse unter deinem Balkon) und hören – eine durchweichte Kippe im Mund – bei maximaler Lautstärke Purple Rain oder We are the world. Dabei blicken sie derart verstört drein, dass man meinen könnte, ihnen sei gerade eine schwerwiegende Stoffwechselerkrankung mit einhergehendem Verlust der Schließmuskelkontrolle diagnostiziert worden: Menschen, die der plötzliche Tod eines Pop- oder Rockstars schier aus der Bahn zu reißen droht.