Die drei Milliarden Fragezeichen

Irgendwo haben sie mal gelernt, dass du deine Anhängerschaft am einfachsten bei der Stange hältst oder besser noch: gänzlich neue Follower generierst, wenn du deine Umwelt mit Fragen peinigst. Und so fragen sie dann – ebenso dreist wie gedankenleer – drauflos.

„Zieht ihr euch manchmal Klamotten an, bevor ihr aus dem Haus geht?“ „Was atmet ihr lieber ein? Sauerstoff oder Kohlendioxid?“ „Müsst ihr auch immer so hart heulen, wenn sich ein Promipärchen getrennt hat, dem ihr über all die Jahre so viel Inspiration und Lebensmut zu verdanken hattet?“

Das soll Interesse, schlimmer noch: menschliche Nähe suggerieren. Und obwohl diese Scharlatanerie in ihrer Dümmlichkeit in etwa der mittelalterlichen Hans-Wurst-Verarsche gleicht, die da lautete man könne die Knöpfe sämtlicher Hausbewohner in Golddukaten verwandeln, wenn vorher nur eine echte Dukate den Besitzer wechseln würde, leben auf unserem von knuddels.de, Berlin – Tag & Nacht und anderen Trostlosigkeiten beherrschten Planeten genug arme Schweine, die dann tatsächlich Antworten liefern.

Zur Belohnung für die ehrlichen, teils zeilenlangen Auskünfte gibt es im besten Fall ein Emoji – ein Herz, einen nach oben gereckten Daumen oder ähnliche „Ich-scheiß-eigentlich-auf-dich-will’s-dir-aber-so-direkt-nicht-sagen“-Schnellabfertigungssymbole.

Was nun aber tun, um sich gegen diesen ausufernden Blödsinn zur Wehr zu setzen? Ganz einfach: Solltest du jemals selbst zum Adressaten dieser perfiden Masche werden, stell Gegenfragen. Und zwar wieder und wieder. „Was isst du lieber? Orangen oder Apfelsinen?“ „Was ist dir wichtiger, die Form deines Grabsteins oder der Verlauf deiner Augenbrauen?“ „Ist es nachts kälter als draußen oder zu Fuß weiter als über den Berg?“ Und so weiter und so fort. Nur nicht nachlassen!

Selbsternannte Samariter der Abfallverwertung

Angeschlagenes Porzellan, Elektrogeräte aus grauer Vorzeit, ausgelatschtes Schuhwerk, CDs mit Titeln wie Die grausamsten Hits der 80er oder Der Original Marinechor „Blaue Jungs aus Bremerhaven“ singt die Nationalhymne der Schlümpfe – sie stellen Dinge auf den Bürgersteig, die andere längst in den Müll geschmissen oder brav zum Recyclinghof getragen hätten. Und da gammelt der Tinnef dann – von Laub, Hundekot und Regenwasser bald zu ganz eigenen Skulpturen aus der Abteilung Public Art verfremdet – vor sich hin, bis sich doch jemand erbarmt, das Zeug in die Tonne zu werfen, oder Kinder es als Spielgerät entdecken und schließlich im Buschwerk oder auf Rasenflächen verteilen.

Das allein wäre schon schlimm genug. Anstatt sich nun aber redlich zu schämen, versucht der Resteverteiler sein schändliches Tun dadurch zu adeln, dass er das Gerümpel mit einem Zettel versieht, den die selbstherrliche Aufschrift zu verschenken verunziert. Ganz so, als würde er der Allgemeinheit einen Dienst erweisen. Als wäre er nicht faul, beziehungsweise – ganz im Stile eines Messieanwärters im dritten Lehrjahr – unfähig zu erkennen, dass Schrott selbst dann Schrott bleibt, wenn man ihn als Geschenk deklariert, sondern großzügig, ja nachgerade wohltätig.

Sollte das Beispiel Schule machen, steht zu befürchten, dass irgendwann benutzte Kaffeefilter, volle Staubbeutel oder nicht minder gefüllte Windeln als zur Mitnahme ausgeschrieben vor Haustüren oder in Treppenhäusern abgelegt werden.

Die einzige Möglichkeit, dieser Unsitte beizukommen, ist diese: Solltest du einen Unrat-Spender auf frischer Tat ertappen, nimm ihn mit in deine Wohnung und nötige ihm dort unter großem Getue diesen verschimmelten Linseneintopf auf, der schon seit ein paar Wochen im Kühlschrank campiert. Und wenn du den Schmock dann wieder aus deiner Wohnung hinauskomplimentiert hast, kleb ihm einen Zettel auf die Stirn, auf dem steht: zu verschenken.

Alle Körper sind gleich, aber manche sind gleicher

Die Idee, die sie sich hinter dem Begriff Body Positivity verbirgt, ist ebenso naheliegend wie großartig, die dazugehörige Bewegung wichtiger denn je. Beides, also Idee wie Bewegung, verkommt jedoch zur bloßen Karikatur, wenn auch Menschen, die so aussehen, als würden sie sogar während des Nachtschlafs alle paar Minuten ein paar Sit-ups absolvieren, ihre perfekt gefilterten Fotos mit dem BP-Hashtag versehen, weil sie ausnahmsweise einen Mitesser hinterm rechten Ohr entdeckt haben. Die Botschaft dahinter: Seht her, ich bin selbst hässlich schön!

Klar, auch (oder gerade) diejenigen, die damit Ruhm und Geld zu ernten versuchen, dass sie dem herrschenden Schönheitsideal 1:1 entsprechen, wollen natürlich vom Aufmerksamkeitsmarktplatz Body Positivity nicht ausgeschlossen werden. Und so ist es dann auch zu erklären, dass ein so genanntes Plus-Size-Model wie Ashley Graham, die mit perfekter Sanduhrfigur und feingeschnittenem Gesicht nur wenig von der Norm abweicht, im Netz hauptsächlich mit positiven Kommentaren bedacht wird, während einer Frau wie Anna O‘ Brien, die ungleich mehr Kilos auf die Waage bringt, überwiegend blanker Hass entgegenschlägt.

Ähnlich dreist wie die oben benannte Kleiner-Makel-ganz-groß-Fraktion versuchen uns die zu verarschen, die sich mit verwuscheltem Haar oder ungeschminkt, also „real“ präsentieren, dabei so aussehen, als würden sie vom Plakat eines Hollywood-Blockbusters herablächeln, das Ganze aber als Beitrag zum Thema „du darfst so sein, wie du bist“ verkaufen wollen.

Natürlich gibt es Menschen, die selbst mit einem Pferdeapfel auf dem Kopf und einem Spritzer Kotze im Mundwinkel immer noch von Millionen anderen begehrt oder als liebreizend empfunden werden. Und natürlich darf es diesen Gesegneten nicht verboten werden, sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Sie sollten allerdings aufhören, so zu tun, als brächten sie ein Opfer, wenn sie mal ein Fältchen unterm Auge oder zwei leicht ergraute Haare zeigen.

Possenreißer auf Liebknechts Grab

20190714_121651Sie tragen rote, grüne oder gelbe Leibchen, gern auch Käppis in der entsprechenden Farbe und blasen alle paar Sekunden mit einer Intensität in rote, grüne oder gelbe Trillerpfeifen, als würden sie beim großen Benjamin-Blümchen-Ähnlichkeitswettbewerb um den Finaleinzug kämpfen. Nein, hier ist nicht Rede von Kita-Kindern, die einen Ausflug in den Erse Park Uetze unternehmen, sondern von Erwachsenen, die im Namen des Deutschen Gewerkschaftsbundes oder einer seiner Teilorganisationen eine Demonstration veranstalten – oder das, was sie für eine Demonstration halten.

Der Ausdruck Konfrontation sagt diesen Menschen nichts; eine Störung der öffentlichen Ordnung, etwa durch das Blockieren von Plätzen, Straßen oder gar Autobahnen, ist für sie unvorstellbar. Sie wollen einfach beisammenstehen wie eine Herde Gnus und mithilfe all der vorgefertigten Teile aus dem DGB-Protestbaukasten (inklusive maschinell gedruckter Pappschilder, die ihre Botschaften transportieren) ebenso höflich, wie ungelenk darauf hinweisen, dass sie ein Anliegen haben (und ganz nebenbei auch noch ein fröhlicher, bunter Haufen sind). Was für ein Anliegen genau, ist dabei letztlich nicht wichtig. Zumindest scheint es so. Der deutsche Gewerkschafter muss eben immer mal wieder raus an die frische Luft und dort Forderungen postulieren, natürlich am liebsten unter Zuhilfenahme der eingangs erwähnten Trillerpfeifen. So verlangt es einfach die Tradition. („Mama, was wollen diese Leute?“ „Pfeifen, mein Kind. Die wollen nur pfeifen.“)

Dass es in früheren Zeiten (oder in anderen Ländern auch heute noch) beim Kampf für Arbeitnehmerrechte um Leib und Leben ging (oder geht), dass ganze Fabriken besetzt wurden oder mal ein Strohballen auf dem Asphalt brannte, für den teutonischen Gewerkschaftsfolkloristen so unvorstellbar wie ein Tinder-Date für den mittelalterlichen Minnesänger. Solange sich an dieser Einstellung nichts ändert, gilt für DGB-Demos das Prädikat so sinnbefreit und ästhetisch fragwürdig wie der Hamburger Schlagermove. Bring mir mal die Pfeife, Harry!

Nichtraucher

In der guten alten Zeit wurden im Winter die Küchenfenster von innen mit Plastikfolie abgedichtet und während du am Tisch deine Schularbeiten erledigen musstest, zündeten sich deine beiden Großtanten eine Zigarette nach der anderen an. Auch im Auto wurde munter geraucht (völlig egal, ob Kinder auf der Rückbank saßen). Und im Flugzeug sowieso. Ganz besonders berüchtigt waren in dieser Hinsicht Flüge nach Mallorca, wurden hier doch nicht selten gleich mehrere Sitzreihen von sogenannten Kegelclubs eingenommen, die vom Start bis zur Landung, soffen, herumkrakelten und natürlich rauchten.

Nur ein paar Jahrzehnte später hat die freudlose Gilde der Nichtraucher das Regiment übernommen. Schieb heute mal ein Kind in der Karre durch die frische Luft und zünd dir dabei eine an oder setz dich mit einer Kippe auf den Spielplatz – es wird nicht lange dauern, bis sich eine Stimmung breitmacht, die Lynchjustiz nicht ausschließt.

Schuld an diesem bedrückenden Zustand ist ein Irrtum: Nichtraucher leben in dem Glauben, sie würden gesünder sterben. Aber der Tod ist nur in den seltensten Fällen ein spaßiger Event, ganz egal, ob die ihm mit einem Glimmstängel im Maul oder einem Stock im Arsch gegenübertrittst. Es ist also gänzlich umsonst, sich um den größten aller Genüsse zu bringen: dem völlig sinnentleerten Inhalieren von Giftstoffen.

Sollen doch die Verweigerer von Nikotin, Kondensat und Teer bis ans Ende ihrer Tage in virtuellem Weihrauch baden. Spätestens wenn sie uns in der Hölle um Feuer bitten, werden sie erkennen, wie peinlich sie sind.

Vergleichbar peinlich sind nur noch Raucher.

Der Poplinke

Er erklärt uns Dinge, die wir gar nicht erklärt bekommen wollen. (Denn: Warum einer Sache den Zauber nehmen, die sich bis dahin einfach nur geil angefühlt hat?) Aber er kann nicht anders. Sobald irgendwo eine Bewegung ihr Haupt erhebt, die auch nur ansatzweise den Anschein erweckt, sie könne kulturelle oder gesellschaftspolitische Veränderungen anstoßen, stürzt sich der Poplinke auf sie und versucht ihr, soweit seine Zahnspange es zulässt, Fleisch aus dem Körper zu reißen.

Möglicherweise wäre er selbst gern Teil dieser Strömung. Aber mit dem Poplinken wollte schon auf dem Pausenhof niemand etwas zu tun haben. Und so bleibt ihm auch heute nur wieder die Rolle des stillen Beobachters. Akribisch füllt er sein Körbchen mit Fakten, wobei es kaum etwas gibt, das ihm als zu unwichtig erscheint. Im Normalfall wird am Ende ein Buch draus, gern mit endlosen Fußnotenmoränen, mit denen der Verfasser das Feuilleton beeindrucken möchte. Das Unberechenbare, Wilde, Lebendige (seines Forschungsgegenstands) ängstigt ihn und so bereitet es dem Poplinken ein geradezu perverses Vergnügen, die aufkeimende, wild wuchernde Bewegung in eine tote Form zu gießen. Wenn ihm selbst schon kein echtes Leben geschenkt worden ist, brauchen die anderen auch nichts, was vital genannt werden könnte.

Verirren sich aber zum Beispiel mal Nazis vor die entsprechenden Verlags- oder Redaktionstüren, fällt dem Poplinken ganz schnell wieder ein, dass mit Analyse und Kritik allein nicht jedes Problem gelöst werden kann. Dann verlangt auch er, wie alle Kaffeehausrevoluzzer, plötzlich ganz laut nach der Antifa. Drücken wir ihm die Daumen, dass sein Ruf Gehör findet.

Menschenwürdefresser

Gut möglich, dass es auf diesem Planeten erwachsene Mitbürger gibt, die schon immer mal als Riesenbockwurst, Prinzessin-Lillifee-Imitat oder Ganzkörperkondom durch belebte Straßen ziehen wollten. Viele werden es allerdings nicht sein, ganz sicher nicht mehr als einer von dreißigtausend.

Warum also sind dann vor allem an Wochenenden auf den einschlägigen Partymeilen deutscher Großstädte alle paar Meter arme (Riesenbock)Würstchen zu entdecken, die in den eben benannten und weiteren, ähnlich schlimmen Kostümen unterwegs sind? Sie bieten Küsse feil oder Kleine Feiglinge, meist gegen einen Betrag von einem Euro. Und vielleicht verbirgt sich hinter dieser Geste ja genau das Geheimnis des Phänomens. Dass sich also hier, an diesem realitätsfernen Ort, kleine Feiglinge endlich das getrauen, von dem sie insgeheim schon lange geträumt haben, nämlich dem unbeschwerten Austausch und der Einnahme von (Körper)Flüssigkeiten.

Oder verfolgt die dilettantische Scharade namens Junggesellenabschied ein ganz anderes Ziel? Ein hehres gar? Nämlich dem Optimierungswahn ein Schnippchen zu schlagen? Einfach mal scheiße aussehen, einfach mal den Mickie Krause in sich rauslassen? Gerecht geht es dabei ja auch noch zu. Denn die, deren Motto-Shirts im Vergleich zum Bräutigam einen Hauch weniger beschämend daherkommen, sind im Normalfall die, die in den nächsten Jahren entsprechend vorgeführt werden (oder schon vorgeführt worden sind.) Wobei als Argument gegen die Anti-Optimierungs-These die Tatsache spricht, dass der gemeinschaftlich begangene Gehirnzellen-Seppuku häufig genug generalsstabsmäßig geplant wird, oft von zwei- oder dreiköpfigen Teams, die Reisen bis nach Polen oder Kroatien organisieren. Klar, im Ausland lässt sich die publikumswirksame Blamage noch dreimal gelöster in Angriff nehmen.

Früher war der Pranger der Ächtung echter oder vermeintlicher Missetaten vorbehalten. Heute zahlen angehende Brautleute und ihr Gefolge Geld für die eigene öffentliche Bloßstellung. Vielleicht sollten sie neben Süßigkeiten und Partyschnäpsen – oder womit sie ihr Treiben sonst noch zu refinanzieren versuchen – Peitschen und andere Marterinstrumente in ihren Bauchläden vorrätig halten, die die Laufkundschaft dann getreu dem Motto „der Bockwurst die Pelle vom Leib ziehen“ direkt am lebenden Objekt ausprobieren darf.