Kaffeetrinker

„Alter, ich bin völlig im Arsch“, stöhnen sie, „ich brauch erst mal ’nen Kaffee.“ Und wenn du ihnen dann ein, zwei Tassen aufgebrüht hast – entkoffeiniert versteht sich (denn: ein bisschen Spaß muss sein) –, stöhnen sie wieder, wohlig diesmal. „Ja, Mann, jetzt geht’s mir besser. Ohne Koffein läuft bei mir gar nichts.“

Überall siehst du sie, die Geiseln der Bohne, vor allem in den Morgenstunden, wie sie mit ihren – mal mehr, mal weniger umweltschonenden – Bechern U-Bahnen, Busse und Gehwege in Firmenkantinen oder Großraumbüros zu verwandeln versuchen. Ihre Botschaft: „Ich bin busy, ich schlafe zu wenig, aber hey, ich kämpfe tapfer dagegen an. Und zu allem Überfluss verstehe ich mich auch noch darauf, Geschäftigkeit und Genuss zu verbinden.“

Kaffee, das ist für sie: Urbanität, die Großstadt, am besten New York, am besten ein In-Viertel. Aber natürlich auch: Kreativität, die einsamen, durchwachten Nächte, die Konzentration auf DAS Projekt.

Dabei ist Kaffeetrinken in Wahrheit die Sucht der Feiglinge. Sie wissen, das Zeug ist weder verboten noch wirklich gesundheitsschädigend. Gleichzeitig aber wollen sie uns mit ihrem Dauerkonsum signalisieren: „Seht her! Ich geb’s mir hart. Ich kippe das giftige Gebräu, als gäb’s kein Morgen mehr.“

Höchste Zeit für eine Kaffeepause, also für eine Pause VOM Kaffee. Sollen die Übermüdeten, Gestressten und Rastlosen einfach mal hundert einarmige Liegestütze machen, am besten auf den Fäusten. Dann geht das alles auch mal ohne.

Schaumschläger der Lüfte

Während wir anderen banal ins Flugzeug steigen, um banal von a nach b zu reisen, am besten noch, um dort banal Urlaub zu machen, sind sie mit dem Flieger unterwegs. Denn Flieger das sind sie ja selber, also Überflieger. Sie sind wichtig, sie werden gebraucht. Und so fliegen sie, während wir anderen flugzeugen. Sie leben gewissermaßen im Airbus. Zumindest haben sie das mal. Oder sie wollen noch.

Selbstüberhöhung durch Sprache. Jeder kennt das. Der Profi ruft natürlich die Spusi, nicht die Spurensicherung. Der zeitgeistbewusste Checker hat selbstredend einen Bro oder eine Sis, keinen besten Freund oder eine beste Freundin.

Aber wie immer existiert auch das Gegenteil. Wir Schriftsteller beispielsweise reden gern vom LiteraturBETRIEB, um zu verschleiern, dass wir uns nie die Hände schmutzig machen müssen, um so zu tun, als wären wir ebenfalls ehrliche Arbeiter. Gleichzeitig reitet uns aber auch die Großkotzigkeit. Zum Beispiel wenn wir, kaum dass wir den Markt mit einem weiteren Buch gefüttert haben, von einem neuen Werk reden, ganz so, als hätten wir mit den hundertachtzig Seiten nichts weniger als einen Fabrikkomplex erschaffen, mindestens einen geistigen Tempel von zeitloser Bedeutung, keinen Schmöker, der dir den nächsten Klo-Gang versüßt.

Und damit genug davon. Ich muss los. Der Flieger nach Kapstadt wartet.

Reklametafeln der Nutzlosigkeit

Das erste, was ich aus meinem Leben entfernt habe, nachdem die elterliche Gewalt keine vollständige Verfügung mehr über mich hatte, war die Armbanduhr. Warum etwas mit dir herumschleppen, das dich in jedem Augenblick an so lästige Dinge wie Schlafengehen, Schule oder Friseurbesuche erinnert? Dass ich mit diesem Gedanken nicht alleine war, beweist der Umstand, dass der am Leib getragene Sklavenhalter irgendwann in den 1990ern auch aus dem öffentlichen Raum verschwand. Zumindest weitestgehend. Denn natürlich gibt es immer diesen Typ des ewigen Beamten, der ohne Zeitmessgerät am Handgelenk Schnappatmung, Sehstörungen und schwerste Hautirritationen bekäme. Aber der war eben in der Minderheit. Und das plötzlich gut erkennbar.

Nun aber ist das unselige Accessoire ins allgemeine Bewusstsein und damit in den Alltag zurückgekehrt. Und es stellt sich die Frage, nach dem warum. Warum gerade jetzt, wo doch jeder ein Handy besitzt, auf das er ohnehin alle zehn Sekunden schaut? Warum, wo doch auch heute noch allerorten Uhren hängen, die die Welt aussehen lassen wie eine Fertigungshalle von Volkswagen?

Natürlich geht es um Mode, um Mode und Status. Status in gleich zweierlei Hinsicht. Denn während sich die einen mit einer Breitling für 20.000 € blamieren, lassen sich die anderen mit einem Chronometer aus Holz und Stein für ihre Verdienste in Sachen Nachhaltigkeit feiern.

Aber wieso dann nicht einfach ein Panzerarmband aus purem Gold, meinetwegen ein halbes Kilo schwer (für die einen) oder ein edles Designerbändchen mit dem Logo von Greenpeace oder dem WWF (für die anderen)? Wofür braucht es das Ziffernblatt, das Uhrwerk, das Gehäuse?

Gerade in dieser Sinnlosigkeit verbirgt sich das perfide Geheimnis der Armbanduhrenträger. Denn letztlich geht es ihnen darum, uns, die wir unser Geld lieber für Bücher, Konzerte und Bier ausgeben, zu provozieren. Schaut her, wir leisten uns den totalen Mumpitz, bald tragen wir Mausefallen oder Fliegenfänger am Unterarm, wollen sie uns sagen.

Ihre Uhr ist eine Aufforderung. Eine ständige Einladung zum Diebstahl. Tun wir ihnen den Gefallen. Reißen wir sie ihnen ab, schmelzen wir die verwertbaren Bestandteile ein und fertigen hübsche Spucknäpfe oder Bettpfannen daraus. Die werden immer gebraucht.

Zeigefreudig(e) im Brötchentunnel

Sie stehen vor dir beim Bäcker und wollen, ganz banal, zwei Croissants und eine Laugenstange kaufen, zeigen aber bei jeder Bestellung mit dem Finger ostentativ auf das gewünschte Produkt, als würde es sich beim Verkäufer um einen gehirnamputierten Ochsenfrosch handeln, der die Landessprache nicht beherrscht.

Machen diese Ochsenfroschsemmeln das immer so? Zeigen sie beispielsweise auch beim Sex überallhin? Frei nach dem Motto „da will ich reinstecken, da möchte ich lecken, daran will ich rumspielen“? Wovor fürchten sie sich? Dass ihnen das Verkaufspersonal am Ende zwei Franzbrötchen und ein Hörnchen in die Tüte packt? Vertrauen sie ihren Sprechwerkzeugen nicht? Und selbst wenn sich mal ein Versehen ergeben sollte, ließe sich das nicht wieder rückgängig machen? („Entschuldigung, ich wollte zwei CROISSANTS.“)

Keine Frage, das Verhalten dieser Spezies ist hochgradig infantil. Aber gerade hier, also im Infantilen, liegt wohl die Erklärung. Offenbar aktiviert der Anblick der Backwarenvielfalt ein altes Trauma, sind die Freunde der zeigefingergestützten Bestellung von ihren Rabeneltern einst in viel zu jungen Jahren zum Bäcker geschickt worden, um dem verkaterten Pack eine opulente Auswahl an Spezereien zu besorgen. Und da standen sie dann, schüchtern, überfordert und mundfaul und wussten sich nicht anders zu behelfen, als … Das verdient ohne Zweifel Mitleid. Aber für Mitleid fehlt mir die Zeit, wenn ich morgens um halb sieben endlich eine hohe Dosis Koffein in meine Blutbahn transferieren möchte.

Vorschlag zur Güte: Die armen Hascherln dürfen beim Bestellen weiter die Hände benutzen, unterlassen dabei aber das Sprechen. Dann denken Personal wie Kundschaft, dass sie einen Taubstummen vor sich hätten, und fühlen sich nicht länger für dumm verkauft, respektive belästigt. Darauf ein Stück Spritzgebäck!

Wenn Ausfluss zum Einfluss wird

Hinter ihnen verwandelt die Sonne das Meer in flüssiges Lava; aber sie können das Schauspiel nicht genießen, sind vielmehr damit beschäftigt, der Kamera den perfekten Gesichtsausdruck anzubieten oder am Träger ihres Tops herumzuzuppeln (das partout nicht richtig sitzen will). Vor ihnen auf dem Tisch steht eine Tasse Cappuccino, von einem Weltklassebarista meisterlich zubereitet und verziert. Sie lassen ihn kalt werden, weil erst noch die Beleuchtung korrigiert werden muss.

Sie könnten dies oder das tun, könnten Eindrücke sammeln, sich austoben, kreativ sein, sie könnten gar eine Liebesbeziehung mit Leben füllen, wenn nicht alle paar Minuten innegehalten und der jeweilig Boy- oder das jeweilige Girlfriend gezwungen werden müsste, auf den Auslöser zu drücken: Influencer – der Auswurf der Hölle, die Scharlatane der Jetztzeit, die größten Blender seit Bhagwan.

Sie kreieren eine Mischung aus Simulation (immerwährender Genuss/ewiges Glück/unverwüstliche Schönheit) und echten Elementen (ein endloser Ozean aus überschätzen Klamotten, unnötigen, überteuerten Pflegemitteln und sonstigen Konsumartikeln).

Würden sie das Endprodukt ihrer Aktivitäten, also ihre Fotos und Filmchen nur im kleinen Kreis verbreiten (ähnlich dem einstmals berüchtigten Dia-Abend), könnte man sie belächeln. So aber müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, eine ganze Generation ins Verderben zu führen, indem sie so tun, als könnten wir alle am vermeintlich schönen Leben teilhaben, ohne an den Grundfesten des Systems zu rütteln.

Die Frage ist nur: Wo ist das Gegengift für diese Plage? Vielleicht könnte der Selfiestick Aufschluss geben – wenn man ihn denn wie ein Fieberthermometer einführt.

Gepäckstücke der Kategorie C und ihre Führungsoffiziere

Du chillst im ICE, hast es dir in einem Sitz am Gang gemütlich gemacht, als dir plötzlich ein stechender Schmerz im Knie kurzfristig Bewusstsein und gute Laune raubt. Der Grund: ein Rollkoffer, noch breiter als der opulente, dreist schaukelnde Arsch seines ignoranten Besitzers.

Du verlässt den eben erwähnten ICE, der den Bahnhof Frankfurt, also deinen Umsteigebahnhof mit fünfzehn Minuten Verspätung erreicht. Du hast noch vier Minuten, um von Gleis 7 zu Gleis 16 zu gelangen. Du gibst alles, besser: du willst alles geben, aber die Rollkoffer, die wie Leibeigene an den hohntriefenden Ärschen ihrer menschenverachtenden Besitzer hängen, versperren dir den Weg. Ein Durchkommen ist nicht möglich, jedenfalls nicht ohne Machete.

Du willst deine Liebste am Flughafen in Empfang nehmen. Du siehst sie die Zollkontrolle passieren, eilst ihr – in den Armbeugen Blumensträuße, Champagner und Swarovski-Diademe – entgegen, als du unversehens k.o. gehst. Der Grund: eine ältere Dame im Überholvorgang, die zwei Rollkoffer hinter sich herzieht, in denen jeweils gleich vier Gorillamännchen Platz finden würden.

Die spannende Frage ist ja: Wie haben diese Menschen früher den ganzen Schrott transportiert, den sie heute mit einer Selbstverständlichkeit durch die Gegend kutschieren, als ob der „Iwan“ sie gerade aus ihrem „angestammten Siedlungsraum“ vertrieben hätte? Antwort: Früher haben sie sich eingeschränkt, sich einschränken müssen. Haben ihre SM-Ausrüstung, ihre Ü-Ei-Sammlung, ihr Kaminholz im Zweifelsfall zu Hause gelassen. Seitdem es den Hackenporsche für Reisende gibt, stellen offenbar selbst Jagdhörner oder Jagdpferde kein Tabu mehr da.

Die einzig mögliche Antwort darauf: Die Jagdsaison ist eröffnet. Ich fülle meine Reisetasche (Schulterriemen) ab sofort mit Nagelbomben. Aufschrift: Roll over, Traveller.

Panzerkreuzer im Garten der Lüste

Zuerst haben sie gegen diese vollendete Mischung aus Nikotin, Teer und Kohlenmonoxyd gehetzt. Haben uns, die wir gern mal einem eleganten, selbstkreierten Rauchfähnchen hinterhersinnieren, ins gesellschaftliche Abseits gedrängt. Haben uns, die wir als Kind möglicherweise zu selten an der Mutterbrust verweilen durften oder einfach nur keine Lust haben, 95 Jahre alt zu werden und die letzten 15 davon in einem Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt zu verbringen, gezwungen, immer mehr Geld in den Erwerb unseres Lungen-Stimulators zu investieren.

Und sie sind ja noch nicht fertig, die Feinde des Genusses und der Lebensart. Nicht mehr lange und Zigaretten (besser: Tabakwaren allgemein) sind endlich ganz verboten, sprich: nur noch beim Dealer zu bekommen. („Hast du was da?“ „‘ne halbe Schachtel Benson könnte ich dir geben.“ „Wie viel?“ „Vierzig Euro.“ „Nehm‘ ich.“)

Die nächsten, die auf der schwarzen Liste stehen, sind diejenigen unter uns, die ihr Nervenkostüm regelmäßig mit Schokolade und Gummibärchen pimpen. Denn ihren neuen Feind hat die Asketen-Front schon ausgemacht: den Zucker.

„Zucker ist Gewalt“ lautet ihr aktueller Schlachtruf (unlängst auf einem Kita-Aushang entdeckt). Selbst in der Tageschau hat das Thema schon Erwähnung gefunden, wurde vor der Schädlichkeit des weißen Freudenspenders gewarnt.

Und so ist es durchaus denkbar, dass in der Wohnung des Dealers zur halben Schachtel Kippen noch ein Riegel Vollmilch-Nuss erworben werden muss (Preis: 5€), während die Zerstörer der Lüste weiter auf eine Welt hinarbeiten, in der wir irgendwann gänzlich frei von Giften, dafür aber mindestens 150 Jahre lang, werden leben müssen.