Foodpornschleudern

Natürlich treibt sie die Angst um, die Angst, zu darben; die Angst, bis auf die Knochen abzumagern, während der Bauch sich dehnt und bläht wie ein übervoller Gasballon; nicht wenige von ihnen haben wahrscheinlich schon den Hungertod vor Augen. Sie haben als Kind ausschließlich Graupensuppe und Steckrübeneintopf bekommen und diese Grausamkeit kompensieren sie nun, indem sie ihre Umwelt regelmäßig mit Grußbotschaften belästigen, die an die Speisekarten mallorquinischer Nepplokale erinnern: Menschen, die zwanghaft ihre Mahlzeiten fotografieren und im Netz verbreiten müssen.

Letztlich agieren diese Getriebenen nicht viel anders als Dieter Bohlen. Der lebt, da in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, in der dauernden Sorge, er müsse zurück in diese Vier-Personen-auf-zwei-Zimmern-Küche-Bad-Enge, sieht sich deshalb gezwungen, immer noch eine Million mehr zu verdienen und findet doch keine Ruhe. Und noch etwas haben der fotogeile Foodie und der Lederhaut-Titan gemeinsam: den Geiz. Verständlich. Denn wer über Jahre hinweg am trockenen Zwieback knabbern musste, während die anderen ihr Marzipanbrot in Edelkaffee getunkt haben, der kann selbst dann nur schwer abgeben, wenn der Küchenmeister nicht mehr Schmalhans heißt. Und so dürfen wir uns das Forellen-Avocado-Tatar, die Wirsing-Lasagne mit Hirschragout und die Basilikum-Quarkmousse mit Balsamico-Erdbeeren zwar gern anschauen und bewundern, an den Tisch gebeten, werden wir aber nicht.

Foodsharing, das nichts kostet, aber auch niemanden sattmacht und damit eine Gemeinheit darstellt, die Strafe verdient. Für den Anfang vielleicht diese hier: Ersttäter dürfen zwei Jahre lang nur noch Mikrowellenessen posten.

Zeitgenossen, die Brückengeländern das Leben schwermachen

Man stelle sich vor, es gäbe Menschen, die handelsübliche Zahnbürsten oder Glühbirnen mit Daten und Initialen versehen und auf U-Bahnsitzen oder in Obst- und Gemüseauslagen platzieren würden. Ähnlich absurd ist das Phänomen, Vorhängeschlösser an Brückengeländern zu befestigen. Im ersten Moment ist man versucht, an Agenten aus Pjöngjang zu glauben, die so die Infrastruktur der westlichen Welt zum Einsturz bringen wollen.

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Aber die Schlüsselkinder der Liebe stammen aus unserer Mitte. Und die Frage nach ihrer Motivation ist ganz einfach zu beantworten. Im tiefsten Innern ist ihr Tun ein stummer Schrei nach Befreiung. MdVaBb, also Menschen, die Vorhängeschlösser an Brücken befestigen, fühlen sich von der Zweisamkeit versklavt. Sie sehnen sich nach Öffnung, nach Swingerpartys, nach anonymem Sex auf Autobahnraststätten, können aber nichts davon bekommen, weil sie die Angst umtreibt, im Alter keinen Versorgungspartner zu besitzen, also jemanden, der ihnen im Pflegeheim wenigstens mal eine Flasche Klosterfrau Melissengeist vorbeibringt.

Erlösen wir diese armen Seelen, präparieren wir die Brückengeländer, an denen sie ihre emotionalen Armutszeugnisse für gewöhnlich platzieren, mit Hilfe von Säge, Feile oder Trennschleifer dergestalt, dass sie bei Berührung nachgeben. Denn unter der Brücke wartet der Fluss, und der wiederum fließt ja bekanntlich immer ins Meer. Vielleicht trifft der MdVaBb dort endlich auf die Kommune sexuell aktiver Nixen und Wassermänner, nach der er sich schon so lange gesehnt hat.

Exitus-Parasiten

Sie sitzen stundenlang im Regen (gern im Garten oder auf der Terrasse unter deinem Balkon) und hören – eine durchweichte Kippe im Mund – bei maximaler Lautstärke Purple Rain oder We are the world. Dabei blicken sie derart verstört drein, dass man meinen könnte, ihnen sei gerade eine schwerwiegende Stoffwechselerkrankung mit einhergehendem Verlust der Schließmuskelkontrolle diagnostiziert worden: Menschen, die der plötzliche Tod eines Pop- oder Rockstars schier aus der Bahn zu reißen droht.

Jahre-, manchmal jahrzehntelang hat sie das Schicksal des Verstorbenen nicht interessiert, haben ihre ausbleibenden Konzertbesuche, ihre fehlenden Downloads, CD- und Plattenkäufe erst dazu beigetragen, dass der Künstler krank, alkohol- und medikamentenabhängig, depressiv und selbstmordgefährdet geworden ist. Jetzt beweinen sie ihn wie ein Familienmitglied, einen guten Freund, ein Haustier. In Wahrheit betrauern sie nur ihr eigenes trostloses Schicksal, ihre zerplatzten Träume, ihre verpassten Chancen.

Wie sah die Zukunft doch rosig aus, damals im Kinder-/Jugendzimmer mit einem Joint in der Hand und Purple Rain in den Ohren. Jetzt, gefühlte zweitausend Fehlentscheidungen später, nach der dritten Scheidung, der vierundfünfzigsten Diät und der achten Psychotherapie bleibt nicht mehr viel, an das sich der Exitus-Parasit klammern kann. Abgesehen natürlich von der Hoffnung, einen weiteren Promi aus der Showbranche zu überleben.

Chabos mit Herrenhandtaschen

Wer hat den jugendlichen Gangsterdarstellern nur erzählt, die kleinen Taschen, die sie sich seit neuestem umhängen, kämen auch nur ansatzweise lässig rüber? Gut, die Buben sind zu jung, um sich an die schreckliche Zeit zu erinnern, in der Väter plötzlich Miniatur-Kulturbeutel mit Schlaufe am Handgelenk trugen. Und natürlich baumeln die sogenannten Pushertäschchen ja auch nicht am Unterarm, sondern am Hals. Aber wie Herrenhandtaschen wirken sie trotzdem, wenigstens wie eine Kombination aus Herrenhandtasche und Brustbeutel, womit gleich zwei der würdelosesten menschlichen Daseinsformen symbolisiert werden. Dort das hilflose, von jeglicher Entscheidungsgewalt befreite Kind, dem man noch nicht mal zutraut, ein paar Cent oder eine Busfahrkarte gescheit in der Hosentasche zu transportieren. Hier der von allen Zwängen und jeglichem ästhetischen Gespür befreite Vater, der mal eben 49,90 ausgibt, um sich in der Öffentlichkeit zum Larry zu machen.

Wie sich damals die Frage gestellt hat, was die Herren Erzeuger in ihren geheimnisvollen Behältnissen mit sich herumtrugen (Nagelknipser? Nasenhaartrimmer? Kondome mit überschrittenem Haltbarkeitsdatum?), möchte man natürlich auch gern wissen, was die transportablen Schatzkästlein der Enkel beinhalten: Pickelabdeckstifte? Pokèmonkarten? Kondome mit überschrittenem Haltbarkeitsdatum?

Obwohl, so detailliert muss es dann vielleicht doch nicht sein. Wobei hier keine Garantie besteht. Die Herrenhandtasche gab es am Ende auch in durchsichtig.

Turnbeutel by Nature

In keiner Grünanlage, keinem Hinterhof bist du vor ihnen sicher. An jeder Ecke, jedem Mülleimer, jeder Teppichstange machen sie ihre Burpees, Pullups und Squats. Nicht wenige sind gar so dreist und nehmen den Kindern die Bolzplätze weg: Freeletics-Enthusiasten, also Menschen, die auf all die abgestandenen Übungen abfahren, die schon Turnvater Jahn gefeiert hat. Nur, dass diese Übungen heute gewollt freshe Namen tragen und als Grundlage für einen Wettbewerb dienen, den derjenige gewinnt, der sein Programm am schnellsten absolviert, sprich: der, der am ehesten Knie- oder sonstige Gelenkschmerzen vorzuweisen hat. Denn wie Mao schon sagte: „Der schnellste Fuß ist nicht immer der sauberste.“

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Selbst ins Fitnessstudio sind die Anhänger der kernigen Leibeszucht schon vorgedrungen. Dort wuchten sie dann riesige LKW-Reifen durch die Gänge oder ziehen Schiffsschrauben hinter sich her. Und das derart eifrig, dass man ihnen zurufen möchte: „Bewerbt euch doch mal für eine Stelle auf dem Schrottplatz oder in der Schmiede!“ Aber bei dem Lärm, den sie veranstalten, würden sie einen ohnehin nicht hören. Am schärfsten sind die, die das Gym nur noch dafür nutzen, um dort zwei- oder dreimal die Woche wie die Irren das Treppenhaus hinauf- und hinabzusprinten, eine Übung, die im nächstbesten Plattenbau deutlich günstiger zu haben wäre.

Erinnert sich noch jemand an den Ententanz, dieses Gruppenritual für Hirnentkernte mit Bewegungsdrang, das in den 1980ern seinen Siegeszug durch die Charts antrat? Würdest du den Freeletics-Jüngern erzählen, dieser Hinterwäldler-Reigen wäre wie nichts anderes in der Lage, den Leib zu stählen, sie würden von morgens bis abends das wackelnde Entchen geben. Immerhin, im Freihantel- und Gerätebereich ist es in letzter Zeit deutlich leerer geworden.

Tattoo-Invaliden

Sie müssen sich, sobald sie den öffentlichen Raum heimsuchen, schon ab Mitte März im T-Shirt präsentieren (am besten im Tank-Top), damit wir anderen (jedenfalls die von uns, die nicht das Glück haben, mit Blindheit geschlagen zu sein) auch ja zur Kenntnis nehmen, in was sie in den zurückliegenden Monaten und Jahren so viel Geld und Lebenszeit investiert haben: Menschen mit Tätowierungen.

Neuerdings zeigen sich immer häufiger Vertreter dieser Spezies, die sich den einen Arm mehr oder weniger vollständig haben bebildern lassen, während der andere gänzlich jungfräulich daherkommt. Was wollen sie uns mit diesem Betriebsunfall in Sachen Ästhetik sagen? Den unbefleckten Arm brauche ich noch für die Banklehre, die ich irgendwann mal anzufangen gedenke? Ich bin mindestens so Yin und Yang wie der Dalai Lama, und mein crazy Life ist noch viel Yin und Yanger? Wenn sie mir im Krankenhaus Blut abnehmen müssen, und die Schwester sieht aus wie Mutti, habe ich immer noch einen guten Arm, den ich ihr hinhalten kann?

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In meiner Kindheit gab es bei Familienfesten immer mal wieder den einen oder anderen „Onkel“ zu bewundern, der im Kampf für „Führer und Vaterland“ einen Arm verloren hatte. Damit die guten Hemden oder Jacketts nicht kaputtgeschnitten werden mussten (schließlich sollte die Kledage noch aufgetragen werden), wurde der entsprechende Ärmel normalerweise umgeklappt und mit Nadeln an der Schulternaht befestigt. Es ist daher durchaus statthaft, Menschen mit nur einem tätowierten Arm als Kriegsversehrte des postfaktischen Zeitalters zu bezeichnen.

Poetry-Slam-Besucher

Sie denken, sie täten etwas für ihren kulturellen Horizont, würden sich im Publikum einer Castingshow aber nicht weniger gutaufgehoben fühlen: Menschen, die in ihrer Freizeit Poetry Slams besuchen. Fragst du sie am nächsten Tag nach dem Gewinner des Abends, können sie sich nicht erinnern. Namen oder Biographien spielen in diesem Kosmos keine Rolle. Hauptsache, es treten ausreichend Leute auf, die etwas Witziges vortragen, gern über Studenten-WGs oder Veganer, vor allem aber über die Tücken der Zweisamkeit, am besten garniert mit einer Prise Sex. Wichtig sind auch ein, zwei kritische Stimmen. Die Kritik sollte aber auf ein Thema abzielen, bei dem sich alle einig sind. Polemiken gegen Poetry-Slam-Besucher sind nicht so gern gesehen.

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Und dann darf natürlich dieser eine große Text nicht fehlen, der das Lebensgefühl einer ganzen Generation in schlappe zweidutzend Gemeinplätze fasst. Die kann man dann später so schön zitieren, wenn man mit seiner Tinder-Bekanntschaft bei Kerzenschein und einer Überdosis AnnenMayKantereit in der Studenten-WG sitzt.

Apropos: Essen, apropos: Sitzen – natürlich lässt der gewöhnliche Slam-Besucher auch den Tisch links liegen, auf dem die Auftretenden ihre Bücher feilbieten. Lesen muss nun wirklich nicht auch noch sein. Der Abend war lang genug. Und hey, der ein oder andere hat gar in der Jury mitgewirkt. Das war richtig anstrengend. Fast schon Arbeit.

Keine Frage, Poetry-Slam-Besucher sind so nervig wie ein zu kleines Steak. Noch nerviger sind nur noch Poetry-Slammer.