Chabos mit Herrenhandtaschen

Wer hat den jugendlichen Gangsterdarstellern nur erzählt, die kleinen Taschen, die sie sich seit neuestem umhängen, kämen auch nur ansatzweise lässig rüber? Gut, die Buben sind zu jung, um sich an die schreckliche Zeit zu erinnern, in der Väter plötzlich Miniatur-Kulturbeutel mit Schlaufe am Handgelenk trugen. Und natürlich baumeln die sogenannten Pushertäschchen ja auch nicht am Unterarm, sondern am Hals. Aber wie Herrenhandtaschen wirken sie trotzdem, wenigstens wie eine Kombination aus Herrenhandtasche und Brustbeutel, womit gleich zwei der würdelosesten menschlichen Daseinsformen symbolisiert werden. Dort das hilflose, von jeglicher Entscheidungsgewalt befreite Kind, dem man noch nicht mal zutraut, ein paar Cent oder eine Busfahrkarte gescheit in der Hosentasche zu transportieren. Hier der von allen Zwängen und jeglichem ästhetischen Gespür befreite Vater, der mal eben 49,90 ausgibt, um sich in der Öffentlichkeit zum Larry zu machen.

Wie sich damals die Frage gestellt hat, was die Herren Erzeuger in ihren geheimnisvollen Behältnissen mit sich herumtrugen (Nagelknipser? Nasenhaartrimmer? Kondome mit überschrittenem Haltbarkeitsdatum?), möchte man natürlich auch gern wissen, was die transportablen Schatzkästlein der Enkel beinhalten: Pickelabdeckstifte? Pokèmonkarten? Kondome mit überschrittenem Haltbarkeitsdatum?

Obwohl, so detailliert muss es dann vielleicht doch nicht sein. Wobei hier keine Garantie besteht. Die Herrenhandtasche gab es am Ende auch in durchsichtig.

Turnbeutel by Nature

In keiner Grünanlage, keinem Hinterhof bist du vor ihnen sicher. An jeder Ecke, jedem Mülleimer, jeder Teppichstange machen sie ihre Burpees, Pullups und Squats. Nicht wenige sind gar so dreist und nehmen den Kindern die Bolzplätze weg: Freeletics-Enthusiasten, also Menschen, die auf all die abgestandenen Übungen abfahren, die schon Turnvater Jahn gefeiert hat. Nur, dass diese Übungen heute gewollt freshe Namen tragen und als Grundlage für einen Wettbewerb dienen, den derjenige gewinnt, der sein Programm am schnellsten absolviert, sprich: der, der am ehesten Knie- oder sonstige Gelenkschmerzen vorzuweisen hat. Denn wie Mao schon sagte: „Der schnellste Fuß ist nicht immer der sauberste.“

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Selbst ins Fitnessstudio sind die Anhänger der kernigen Leibeszucht schon vorgedrungen. Dort wuchten sie dann riesige LKW-Reifen durch die Gänge oder ziehen Schiffsschrauben hinter sich her. Und das derart eifrig, dass man ihnen zurufen möchte: „Bewerbt euch doch mal für eine Stelle auf dem Schrottplatz oder in der Schmiede!“ Aber bei dem Lärm, den sie veranstalten, würden sie einen ohnehin nicht hören. Am schärfsten sind die, die das Gym nur noch dafür nutzen, um dort zwei- oder dreimal die Woche wie die Irren das Treppenhaus hinauf- und hinabzusprinten, eine Übung, die im nächstbesten Plattenbau deutlich günstiger zu haben wäre.

Erinnert sich noch jemand an den Ententanz, dieses Gruppenritual für Hirnentkernte mit Bewegungsdrang, das in den 1980ern seinen Siegeszug durch die Charts antrat? Würdest du den Freeletics-Jüngern erzählen, dieser Hinterwäldler-Reigen wäre wie nichts anderes in der Lage, den Leib zu stählen, sie würden von morgens bis abends das wackelnde Entchen geben. Immerhin, im Freihantel- und Gerätebereich ist es in letzter Zeit deutlich leerer geworden.

Tattoo-Invaliden

Sie müssen sich, sobald sie den öffentlichen Raum heimsuchen, schon ab Mitte März im T-Shirt präsentieren (am besten im Tank-Top), damit wir anderen (jedenfalls die von uns, die nicht das Glück haben, mit Blindheit geschlagen zu sein) auch ja zur Kenntnis nehmen, in was sie in den zurückliegenden Monaten und Jahren so viel Geld und Lebenszeit investiert haben: Menschen mit Tätowierungen.

Neuerdings zeigen sich immer häufiger Vertreter dieser Spezies, die sich den einen Arm mehr oder weniger vollständig haben bebildern lassen, während der andere gänzlich jungfräulich daherkommt. Was wollen sie uns mit diesem Betriebsunfall in Sachen Ästhetik sagen? Den unbefleckten Arm brauche ich noch für die Banklehre, die ich irgendwann mal anzufangen gedenke? Ich bin mindestens so Yin und Yang wie der Dalai Lama, und mein crazy Life ist noch viel Yin und Yanger? Wenn sie mir im Krankenhaus Blut abnehmen müssen, und die Schwester sieht aus wie Mutti, habe ich immer noch einen guten Arm, den ich ihr hinhalten kann?

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In meiner Kindheit gab es bei Familienfesten immer mal wieder den einen oder anderen „Onkel“ zu bewundern, der im Kampf für „Führer und Vaterland“ einen Arm verloren hatte. Damit die guten Hemden oder Jacketts nicht kaputtgeschnitten werden mussten (schließlich sollte die Kledage noch aufgetragen werden), wurde der entsprechende Ärmel normalerweise umgeklappt und mit Nadeln an der Schulternaht befestigt. Es ist daher durchaus statthaft, Menschen mit nur einem tätowierten Arm als Kriegsversehrte des postfaktischen Zeitalters zu bezeichnen.

Poetry-Slam-Besucher

Sie denken, sie täten etwas für ihren kulturellen Horizont, würden sich im Publikum einer Castingshow aber nicht weniger gutaufgehoben fühlen: Menschen, die in ihrer Freizeit Poetry Slams besuchen. Fragst du sie am nächsten Tag nach dem Gewinner des Abends, können sie sich nicht erinnern. Namen oder Biographien spielen in diesem Kosmos keine Rolle. Hauptsache, es treten ausreichend Leute auf, die etwas Witziges vortragen, gern über Studenten-WGs oder Veganer, vor allem aber über die Tücken der Zweisamkeit, am besten garniert mit einer Prise Sex. Wichtig sind auch ein, zwei kritische Stimmen. Die Kritik sollte aber auf ein Thema abzielen, bei dem sich alle einig sind. Polemiken gegen Poetry-Slam-Besucher sind nicht so gern gesehen.

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Und dann darf natürlich dieser eine große Text nicht fehlen, der das Lebensgefühl einer ganzen Generation in schlappe zweidutzend Gemeinplätze fasst. Die kann man dann später so schön zitieren, wenn man mit seiner Tinder-Bekanntschaft bei Kerzenschein und einer Überdosis AnnenMayKantereit in der Studenten-WG sitzt.

Apropos: Essen, apropos: Sitzen – natürlich lässt der gewöhnliche Slam-Besucher auch den Tisch links liegen, auf dem die Auftretenden ihre Bücher feilbieten. Lesen muss nun wirklich nicht auch noch sein. Der Abend war lang genug. Und hey, der ein oder andere hat gar in der Jury mitgewirkt. Das war richtig anstrengend. Fast schon Arbeit.

Keine Frage, Poetry-Slam-Besucher sind so nervig wie ein zu kleines Steak. Noch nerviger sind nur noch Poetry-Slammer.

Bärtige

Sie wollen wie Robinson wirken, wie Papillon oder Bud Spencer, wollen den Neandertaler in sich zum Vorschein bringen oder den von allen Zwängen befreiten Derwisch, mindestens aber den Holzfäller, der nach getaner Arbeit seine Zähne in einen rohen Biber schlägt.

Sie geben ihr halbes Taschengeld für Bartwichse und ähnlich wunderliche Dinge aus, um dann nach dem Duschen im Gym ihre Schenkelbürste stundenlang zu salben und zu kämmen, zu ziselieren und zu glätten, während wir anderen schon munter am dritten Eiweißshake nippen.

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Sie sammeln Speisereste und Ejakulat im Bereich um Mund und Nase, als ob ihnen in Kürze ein Flugzeugabsturz über der Wüste bevorstünde und das Überleben von jedem Milligramm Nährstoff abhinge.

Die, die auch noch den letzten Funken Kontrolle über den Wuchs ihrer Gesichtsbehaarung verloren haben, wirken gar wie Zeitgenossen, denen der Begriff Sprengstoffgürtel nicht nur aus den Nachrichten bekannt ist. Und es wundert beinahe, dass nur die wenigsten dieser Kandidaten bisher von der GSG9 besucht worden sind. Schöner wäre, wenn es alle träfe. Das würde den öffentlichen Raum vielleicht nicht unbedingt sicherer, zumindest aber ansehnlicher gestalten.

SUV-Besitzer

Warum sie einen fahren, wissen sie nicht. Sie sind nie in der Wüste unterwegs, nie auf Berghängen oder sonst wo abseits befestigter Straßen, noch nicht mal auf Feldwegen. Aber die Nachbarn haben auch alle einen, und der Kontostand gibt es her, ja, zwingt förmlich zum Kauf. Und so irren sie auf der Suche nach Parkraum herum in diesen protzigen Karren, diesen Schaut-her-ich-bin-zwar-nicht-amerikanischer-Präsident-geworden-aber-für-ein-Präsidentenbegleitfahrzeug-hat-es-allemal-gereicht-Schüsseln, haben Mühe auf ihren fahrenden Hochsitzen den Überblick zu bewahren, besonders in Bezug auf Kleinstlebewesen wie Fußgänger oder Radfahrer.

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Wie Ozeanriesen, die des nachts ohne Steuermann unterwegs sind, und bei denen dann am nächsten Tag plötzlich der Mast eines Segelboots an der Schiffsschraube klebt, durchpflügen sie den öffentlichen Raum. Sie verballern Benzin und blasen Abgase in die Luft, als gäb‘s kein morgen mehr. Und das mit Vorliebe, während sie vor Kitas oder Schulen auf den Nachwuchs warten, wo sie sich bei laufendem Motor um die Zukunft eben dieses Nachwuchses sorgen.

 

Sie nerven alle anderen und merken es nicht, wie Pferdebremsen in der Badebucht.

Im Jahr 1346 katapultierte die Goldene Horde Pestkranke über die Mauern der belagerten Hafenstadt Kaffa. Heute würde sie SUV-Fahrer nehmen.

Mädchen in zerrissenen Jeans

Sie kommen dir entgegen, und du denkst, sie hätten gerade einen Stacheldrahtverhau überwunden, wären auf allen Vieren durch ein Scherbenmeer gerobbt oder minutenlang in einem Dornengestrüpp auf Schmetterlingsfang gegangen: Mädchen in Destroyed Denim (wie sie selbst es nennen würden), also in Jeans, die so wirken, als wären sie (also die Jeans, nicht deren Trägerinnen) just aus einer Maschine gefischt worden, die Altkleider zu Putzlumpen verarbeitet, dabei aber gerade erst im Laden erworben wurden. Und das nicht selten für einen dreistelligen Betrag. Seltsamerweise scheint den Trägerinnen gar nicht bewusst, wie sehr sie damit Menschen verhöhnen, die gern eine unbeschädigte Hose ihr Eigen nennen würden, sich aber keine leisten können. Vielmehr spazieren sie mit einem Lächeln herum, das so tut, als sei es völlig normal, etwas, das wärmen, schützen, bedecken soll, bereits während des Fertigungsprozesses zu zerstören.

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Alle Jahre wieder kommt diese Mode über uns. Warum? Was ist die Botschaft? Seht her, ich mache jeden Blödsinn mit, bald schneide ich mir Löcher ins Portemonnaie, in die Autoreifen, in die Kopfhaut? Ich mag Klamotten, die aussehen, als hätten sie die Mauser? Kommet ihr Mücken, Schnaken und Bremsen, ich habe extra Einfallstore für euch geschaffen?

Apropos Tierwelt: Früher hat man, um Vögel von Feldern oder Obstplantagen fernzuhalten Holzkreuze aufgestellt, die man mit Hilfe abgelegter Plünnen wie Menschen hat wirken lassen. Heute würde man Mädchen in Destroyed Denim nehmen.