Früh vergreiste Styler

Sie ziehen in die In-Viertel, wollen ihr Ego mit Hilfe dieser so einzig(un)artigen Atmosphäre aufwerten, die Generationen von Hausbesetzern, prekären Künstlern, Junkies und Kleinkriminellen zu einem Großteil wider Willen kreiert haben. Sie geben sich weltoffen und urban. Aber sobald die Demo zum dritten Mal lautstark an ihrem Schlafzimmerfenster vorbeizieht, sobald der erste Mülleimer in Flammen steht, sobald der erste methadonsubstituierte Ex-Junkie in ihren Hinterhof gepisst hat, sobald die Kundschaft des Eisladens im Erdgeschoss nach zwanzig Uhr zu laut in die Waffel beißt, gehen sie steil: Anwohner, die sich – vor allem in Internetforen – gern mit dem Adjektiv „besorgt“ zu adeln versuchen.

Kaum, dass sie gemerkt haben, dass das Boxspringbett mit 4-Zonen-Elektroverstellung und der 82-Zoll-Flachbildschirm sie nicht vor dem echten Leben zu schützen vermögen, starten sie Internet-Petitionen, gründen Nachbarschaftsinitiativen oder virtuelle Bürgerwehren. Sie beklagen die Ballermannisierung IHRES Viertels und sind doch selbst diejenigen, denen zwei Wochen Bierkönig dringend nottun würden.

Früher sind sie in die Vororte gezogen – Reihenhäuschen, kleiner Garten, selbstgetöpfertes Namensschild neben der Haustür. Ein pittoresk getarnter Käfig, der sie vor uns und uns vor ihnen beschützt hat.

Was fangen wir heute mit ihnen an?

Fürs Erste könnte ein Maulkorb nicht schaden.

Die Sklavenhalter-Ich-AG

Es ist ja nicht so, dass das Stadtbild jemals ein ansehnliches gewesen wäre, aber plötzlich treten Tornisterträger auf Drahteseln in Erscheinung, die mit ihrer bonbonfarbenen Garderobe den ohnehin schon vorhandenen Augenkrebs in eine Dimension verschieben, die nicht mehr behandelbar erscheint. Als hätte man einen Buckligen mit Lance Armstrong und einer Packung Smarties gekreuzt.

Das Schlimme ist: Diese radelnden Quasimodos haben wir selbst gerufen. Sie kamen nicht etwa über uns wie die zehn göttlichen Plagen, die wir alle eigentlich so unbedingt verdient hätten. Oh, nein.

Letztlich verhält es sich wie mit den Paketboten. Jeder schimpft, dass sie auf der rechten Spur parken; dass sie nicht in den dritten Stock gedackelt kommen, sondern ihre Ladung, ohne beim Empfänger zu klingeln, im Erdgeschoss deponieren; dass sie abgehetzt und unfreundlich auftreten. Aber wer hat mit seinen Amazon- und Zalando-Bestellungen, seinen Ebay-Einkäufen dafür gesorgt, dass die Zahl der Zustellungen innerhalb von wenigen Jahren ins Uferlose gestiegen ist? Du oder ich? Oder wir beide? Und wer muss sich seinen Wasabi-Salmon-Burger unbedingt anliefern lassen, damit er zu Hause noch ein Folge Narcos auf Netflix gucken kann?

Es gilt die alte Wahrheit: Wer sich Sklaven hält, der muss auch ihren Anblick ertragen. Es gilt aber auch: Wer sich Sklaven hält, muss sich nicht wundern, wenn er von den Entrechteten irgendwann am nächsten Baum aufgeknüpft wird. Mit ein bisschen Glück darf er vorher noch in ein bonbonfarbenes Kostüm schlüpfen. Oder einen Wasabi-Burger bestellen.

Feinde der Freizeit

„Da schreibe ich Sie besser ein paar Tage krank“, sagt der Mann im weißen Kittel. Aber anstatt innerlich zu jubilieren und zu denken sauber, und nächste Woche hole ich mir direkt einen Nachschlag, schütteln sie stoisch den Kopf und entgegnen mit der Miene des schicksalsergebenen Frontsoldaten: „Nein, nein, lassen Sie mal. Es geht schon. Geben Sie mir nur etwas zum Durchhalten.“ Falsch gepolte Simulanten, also Kandidaten, die meinen, sie könnten sich selbst erhöhen, indem sie trotz Fieber, Schmerz und Schädelbasisbruch unbeirrt ihrer Arbeit nachgingen.

Dass sie mit ihrem heldenhaften Getue alle anderen nerven, merken sie nicht. Dass sie Kollegen, die just mit dem Gedanken spielen, sich trotz bester Gesundheit mal wieder einen gelben Schein zu holen, echten Keimen aussetzen und damit möglicherweise um das wohlverdiente Vergnügen bringen, kommt ihnen nicht in den Sinn. Dass sie lang erkämpften Arbeitnehmerrechten einen Bärendienst erweisen, letztlich also dem Großteil der Bevölkerung in den Rücken fallen, wollen sie nicht begreifen.

Sie leben in dem Irrglauben, sie würden an allen Ecken und Enden gebraucht, wären die Säulen des Gemeinwesens und damit unersetzlich.

Mit diesen selbsternannten Knechten der Leistungsgesellschaft zu diskutieren, ist müßig. Vielmehr sollten wir sie in ihrem Wahnsinn bestärken, sie dazu bringen, auch nach Feierabend weiter zu schuften. Wozu gibt es Homeoffice? Oder Ehrenämter? Mit ein bisschen Glück fahren sie vorzeitig in die Grube und machen Platz für einen aufrechten Hedonisten.

Smiley-Bankrotteure

Aus ihren Zeilen spricht die Angst, die Angst, falsch verstanden, ja, im schlimmsten Fall ernstgenommen zu werden (Smiley mit Brustwarzenpiercing): Menschen, die in E-Mails oder ähnlichen Nachrichten schon nach der Begrüßung den ersten Emoji setzen (Kotzsmiley).

Kinder und Teenager sind von dieser Kritik herzlich ausgenommen, die wissen es nicht besser (Einhorn mit Bubbletea-Trinkbecher). Kinder und Jugendliche dürfen auch zu schlechtem Gangsterrap den Oberkörper schütteln (Bushido-Avatar). Erwachsene nicht (erhobener Zeigefinger). Erwachsene sollten es auch aushalten, dass die Welt sie, wenn sie einen bösen Scherz in dieselbe setzen, komplett missversteht (Smiley mit vollgepisster Jogginghose).

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Falls nicht, falls die Smiley-Inflation also Schule macht, besteht zu befürchten, dass Mitbürger, die auf Emojis verzichten (Brechdurchfallsmiley), irgendwann zu Kommunikationsautisten erklärt werden (Smiley mit Hasenscharte und Akne-Narben), während sich Texte, ja, komplette Romane nur noch aus Herzen, stilisierten Katzengesichtern und klatschenden Händen zusammensetzen.

Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, gibt es nur eins: die konfliktscheuen Schriftwechsel-Schisser mal richtig fest drücken (Sumo-Ringer im Manga-Style), ihnen danach die Telefone und Tablets abnehmen (Kopfschusssmiley) und für zwei, drei Minuten in der aktivierten Mikrowelle parken (also die Kommunikationsgeräte nicht deren Besitzer). Wenn das nicht hilft, gibt es zum nächsten Geburtstag Gutscheine für eine Stirntätowierung. Motiv: Ein tischtennisballgroßer Zwinkersmiley.

Höhlenmenschen ohne Höhle

Sie wedeln und pusten (natürlich maschinell – Kingstone Grillgebläse BBQ Dragon für 39,99 €), wenden (Weber Grillbesteck Premium Titanstahl zweiteilig für 49,90 €) und löschen (Ratsherrn Stars’N Pipes für 11,99 € die Flasche), als ob das Überleben ganzer Stammesverbände davon abhinge. Und wenn dann die ersten Flämmchen lodern, die Kohle glimmt und endlich der Edelkönigsputer-Kehlkopf mit einem Zischen beginnt, diese köstliche, krebserregende Kruste zu bilden, dann tritt ein Glanz in ihre Augen, als ob ihnen eine fabrikneue AK47 vor die Füße gefallen wäre: Männer, deren Schädelinneres in eine Grillschürze (pflanzlich gegerbtes vollnarbiges Büffelleder, personalisierte Gravur für 119,95 €) gewickelt wurde.38

Vor allem wenn mehrere dieser Holzkohlenknechte aufeinandertreffen, regiert schon bald der Pavian-Style (selbstredend eine Beleidigung für alle Paviane). Denn natürlich weiß jeder am besten, wie ein Feuer entfacht, wie ein Stück Fleisch in Hartholz verwandelt werden kann. Da wird gerangelt und geschoben und sich auch gern mal gegenseitig die mundgeschmiedete Zange (BBQ Passion von Villeroy & Boch für 29,90 €) aus der Hand gerissen. Jeder will den obersten Platz auf dem Siegerpodest, wenn es darum geht, den versammelten Weibchen und Jungtieren, die erste Wurst (Irish Black Angus für 9,99 € das Stück) entgegenzuhalten und dabei stolz wie ein Weltraumpionier zu brüllen: „Na, wer will?“

Dass das alles auch viel unaufgeregter geht, ja, letztlich von sechsjährigen Autisten bewerkstelligt werden kann, wollen die selbsternannten Hüter des ewigen Qualms nicht wahrhaben.

Früher hätte man sie als Geschmacksverstärker bei Hexenverbrennungen eingesetzt. Heute taugen sie immerhin noch als Animateure für Kindergeburtstage im Ku-Klux-Klan-Umfeld.

Welkes Fleisch auf Hochgeschwindigkeitsgeschossen

Eben waren sie noch ein Punkt am Horizont, jetzt sind sie schon neben dir, lassen dich – den Blick eisern geradeaus gerichtet, das Haupt leicht gesenkt, als hätten sie Hörner, die es danach drängt, etwas aufzuspießen – den eisigen Hauch ihrer Verachtung spüren: Menschen auf E-Bikes, meist männlich, meist älter. Ihr Motto: Das Leben ist Kampf.

 

Dass an ihrem Ziel nichts anderes auf sie wartet als ein missgelaunter Arbeitgeber, eine depressive Gattin oder ein Rasen, der dringend gemäht werden möchte, spielt keine Rolle. Für den motorisierten Pedalisten geht es stets um Sekunden, besser: um Zehntel oder Hundertstel. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und wenn es dabei nur um die Körner fürs tägliche Müsli geht.

 

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Im Seniorenradsport wird so viel gedopt, wie nirgendwo sonst. Hier tummeln sich die, die in jungen Jahren nichts gerissen haben und sich nun auf Teufel komm raus endlich einen Siegerkranz an die Tapete nageln wollen. Im selben Geist ist der geriatrische Zweiradgladiator des Alltags unterwegs. Er würde auch einen radioaktiven Antrieb nutzen, wenn er nur schneller ans Ziel käme.

Dass er sich bei seinem Treiben gern selbst überschätzt, also regelmäßig sich und andere zu Schaden bringt, liegt in der Natur der Sache. Wie es auch in der Natur der Sache liegt, dass sich mein Mitleid mit seinen Quetschungen, Hämatomen und Brüchen in Grenzen hält.

Früher hätte man diese Plage mit Pfeilen beschossen, deren Spitzen vorher mit todbringenden Bakterien bestrichen wurden. Heute wäre das Auslegen sogenannter Krähenfüße eine Option.

Foodpornschleudern

Natürlich treibt sie die Angst um, die Angst, zu darben; die Angst, bis auf die Knochen abzumagern, während der Bauch sich dehnt und bläht wie ein übervoller Gasballon; nicht wenige von ihnen haben wahrscheinlich schon den Hungertod vor Augen. Sie haben als Kind ausschließlich Graupensuppe und Steckrübeneintopf bekommen und diese Grausamkeit kompensieren sie nun, indem sie ihre Umwelt regelmäßig mit Grußbotschaften belästigen, die an die Speisekarten mallorquinischer Nepplokale erinnern: Menschen, die zwanghaft ihre Mahlzeiten fotografieren und im Netz verbreiten müssen.

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Letztlich agieren diese Getriebenen nicht viel anders als Dieter Bohlen. Der lebt, da in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, in der dauernden Sorge, er müsse zurück in diese Vier-Personen-auf-zwei-Zimmern-Küche-Bad-Enge, sieht sich deshalb gezwungen, immer noch eine Million mehr zu verdienen und findet doch keine Ruhe. Und noch etwas haben der fotogeile Foodie und der Lederhaut-Titan gemeinsam: den Geiz. Verständlich. Denn wer über Jahre hinweg am trockenen Zwieback knabbern musste, während die anderen ihr Marzipanbrot in Edelkaffee getunkt haben, der kann selbst dann nur schwer abgeben, wenn der Küchenmeister nicht mehr Schmalhans heißt. Und so dürfen wir uns das Forellen-Avocado-Tatar, die Wirsing-Lasagne mit Hirschragout und die Basilikum-Quarkmousse mit Balsamico-Erdbeeren zwar gern anschauen und bewundern, an den Tisch gebeten, werden wir aber nicht.

Foodsharing, das nichts kostet, aber auch niemanden sattmacht und damit eine Gemeinheit darstellt, die Strafe verdient. Für den Anfang vielleicht diese hier: Ersttäter dürfen zwei Jahre lang nur noch Mikrowellenessen posten.