Tattoo-Invaliden

Sie müssen sich, sobald sie den öffentlichen Raum heimsuchen, schon ab Mitte März im T-Shirt präsentieren (am besten im Tank-Top), damit wir anderen (jedenfalls die von uns, die nicht das Glück haben, mit Blindheit geschlagen zu sein) auch ja zur Kenntnis nehmen, in was sie in den zurückliegenden Monaten und Jahren so viel Geld und Lebenszeit investiert haben: Menschen mit Tätowierungen.

Neuerdings zeigen sich immer häufiger Vertreter dieser Spezies, die sich den einen Arm mehr oder weniger vollständig haben bebildern lassen, während der andere gänzlich jungfräulich daherkommt. Was wollen sie uns mit diesem Betriebsunfall in Sachen Ästhetik sagen? Den unbefleckten Arm brauche ich noch für die Banklehre, die ich irgendwann mal anzufangen gedenke? Ich bin mindestens so Yin und Yang wie der Dalai Lama, und mein crazy Life ist noch viel Yin und Yanger? Wenn sie mir im Krankenhaus Blut abnehmen müssen, und die Schwester sieht aus wie Mutti, habe ich immer noch einen guten Arm, den ich ihr hinhalten kann?

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In meiner Kindheit gab es bei Familienfesten immer mal wieder den einen oder anderen „Onkel“ zu bewundern, der im Kampf für „Führer und Vaterland“ einen Arm verloren hatte. Damit die guten Hemden oder Jacketts nicht kaputtgeschnitten werden mussten (schließlich sollte die Kledage noch aufgetragen werden), wurde der entsprechende Ärmel normalerweise umgeklappt und mit Nadeln an der Schulternaht befestigt. Es ist daher durchaus statthaft, Menschen mit nur einem tätowierten Arm als Kriegsversehrte des postfaktischen Zeitalters zu bezeichnen.