Früh vergreiste Styler

Sie ziehen in die In-Viertel, wollen ihr Ego mit Hilfe dieser so einzig(un)artigen Atmosphäre aufwerten, die Generationen von Hausbesetzern, prekären Künstlern, Junkies und Kleinkriminellen zu einem Großteil wider Willen kreiert haben. Sie geben sich weltoffen und urban. Aber sobald die Demo zum dritten Mal lautstark an ihrem Schlafzimmerfenster vorbeizieht, sobald der erste Mülleimer in Flammen steht, sobald der erste methadonsubstituierte Ex-Junkie in ihren Hinterhof gepisst hat, sobald die Kundschaft des Eisladens im Erdgeschoss nach zwanzig Uhr zu laut in die Waffel beißt, gehen sie steil: Anwohner, die sich – vor allem in Internetforen – gern mit dem Adjektiv „besorgt“ zu adeln versuchen.

Kaum, dass sie gemerkt haben, dass das Boxspringbett mit 4-Zonen-Elektroverstellung und der 82-Zoll-Flachbildschirm sie nicht vor dem echten Leben zu schützen vermögen, starten sie Internet-Petitionen, gründen Nachbarschaftsinitiativen oder virtuelle Bürgerwehren. Sie beklagen die Ballermannisierung IHRES Viertels und sind doch selbst diejenigen, denen zwei Wochen Bierkönig dringend nottun würden.

Früher sind sie in die Vororte gezogen – Reihenhäuschen, kleiner Garten, selbstgetöpfertes Namensschild neben der Haustür. Ein pittoresk getarnter Käfig, der sie vor uns und uns vor ihnen beschützt hat.

Was fangen wir heute mit ihnen an?

Fürs Erste könnte ein Maulkorb nicht schaden.

Turnbeutel by Nature

In keiner Grünanlage, keinem Hinterhof bist du vor ihnen sicher. An jeder Ecke, jedem Mülleimer, jeder Teppichstange machen sie ihre Burpees, Pullups und Squats. Nicht wenige sind gar so dreist und nehmen den Kindern die Bolzplätze weg: Freeletics-Enthusiasten, also Menschen, die auf all die abgestandenen Übungen abfahren, die schon Turnvater Jahn gefeiert hat. Nur, dass diese Übungen heute gewollt freshe Namen tragen und als Grundlage für einen Wettbewerb dienen, den derjenige gewinnt, der sein Programm am schnellsten absolviert, sprich: der, der am ehesten Knie- oder sonstige Gelenkschmerzen vorzuweisen hat. Denn wie Mao schon sagte: „Der schnellste Fuß ist nicht immer der sauberste.“

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Selbst ins Fitnessstudio sind die Anhänger der kernigen Leibeszucht schon vorgedrungen. Dort wuchten sie dann riesige LKW-Reifen durch die Gänge oder ziehen Schiffsschrauben hinter sich her. Und das derart eifrig, dass man ihnen zurufen möchte: „Bewerbt euch doch mal für eine Stelle auf dem Schrottplatz oder in der Schmiede!“ Aber bei dem Lärm, den sie veranstalten, würden sie einen ohnehin nicht hören. Am schärfsten sind die, die das Gym nur noch dafür nutzen, um dort zwei- oder dreimal die Woche wie die Irren das Treppenhaus hinauf- und hinabzusprinten, eine Übung, die im nächstbesten Plattenbau deutlich günstiger zu haben wäre.

Erinnert sich noch jemand an den Ententanz, dieses Gruppenritual für Hirnentkernte mit Bewegungsdrang, das in den 1980ern seinen Siegeszug durch die Charts antrat? Würdest du den Freeletics-Jüngern erzählen, dieser Hinterwäldler-Reigen wäre wie nichts anderes in der Lage, den Leib zu stählen, sie würden von morgens bis abends das wackelnde Entchen geben. Immerhin, im Freihantel- und Gerätebereich ist es in letzter Zeit deutlich leerer geworden.