Früh vergreiste Styler

Sie ziehen in die In-Viertel, wollen ihr Ego mit Hilfe dieser so einzig(un)artigen Atmosphäre aufwerten, die Generationen von Hausbesetzern, prekären Künstlern, Junkies und Kleinkriminellen zu einem Großteil wider Willen kreiert haben. Sie geben sich weltoffen und urban. Aber sobald die Demo zum dritten Mal lautstark an ihrem Schlafzimmerfenster vorbeizieht, sobald der erste Mülleimer in Flammen steht, sobald der erste methadonsubstituierte Ex-Junkie in ihren Hinterhof gepisst hat, sobald die Kundschaft des Eisladens im Erdgeschoss nach zwanzig Uhr zu laut in die Waffel beißt, gehen sie steil: Anwohner, die sich – vor allem in Internetforen – gern mit dem Adjektiv „besorgt“ zu adeln versuchen.

Kaum, dass sie gemerkt haben, dass das Boxspringbett mit 4-Zonen-Elektroverstellung und der 82-Zoll-Flachbildschirm sie nicht vor dem echten Leben zu schützen vermögen, starten sie Internet-Petitionen, gründen Nachbarschaftsinitiativen oder virtuelle Bürgerwehren. Sie beklagen die Ballermannisierung IHRES Viertels und sind doch selbst diejenigen, denen zwei Wochen Bierkönig dringend nottun würden.

Früher sind sie in die Vororte gezogen – Reihenhäuschen, kleiner Garten, selbstgetöpfertes Namensschild neben der Haustür. Ein pittoresk getarnter Käfig, der sie vor uns und uns vor ihnen beschützt hat.

Was fangen wir heute mit ihnen an?

Fürs Erste könnte ein Maulkorb nicht schaden.

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